
Bei Bartenwalen (Mysticetes) wie Buckel-, Zwerg-, Finn- und Blauwalen lässt sich ihr Alter auf überraschende Weise unter anderem durch einen Blick in ihre Ohren bestimmen.
Genau wie Menschen produzieren Wale Ohrenschmalz – doch im Gegensatz zu uns verlässt dieses ihr Ohr nicht. Ihr Gehörgang ist weitgehend verschlossen, sodass sich das Schmalz zu einem festen Ohrpfropf ansammelt, der in Schichten wächst, ähnlich wie die Jahresringe eines Baumes. Jede Schicht spiegelt die saisonalen Wanderungs- und Fresszyklen des Wals wider: Im Sommer in nährstoffreichen Gewässern fressen die Wale intensiv und produzieren hellere Wachsschichten, während sie im Winter, während der Wanderung zu wärmeren Brutgebieten, fasten und dunklere Schichten bilden. Ein Hell-Dunkel-Paar entspricht in etwa einem Lebensjahr des Wals.
Doch Ohrstöpsel sind mehr als nur ein biologischer Kalender. Jede Schicht ist eine winzige Zeitkapsel, die chemische Hinweise aus diesem Moment im Leben des Wals bewahrt. Wissenschaftler können sie analysieren, um Stresshormone wie Cortisol zu messen, und so aufdecken, wie der Wal auf Ereignisse wie Nahrungsknappheit, Lärmbelästigung oder menschliche Aktivitäten reagiert hat. Sie können auch Schadstoffe wie Quecksilber und PCB nachverfolgen und zeigen, wie sich die Meeresverschmutzung über Jahrzehnte hinweg verändert und angesammelt hat.
Ohrstöpsel bieten allen Bartenwalen einen evolutionären Vorteil, da sie das Ohr vor Druckveränderungen, kaltem Wasser und Fremdkörpern schützen und für ein stabiles Hörvermögen unter Wasser sorgen. Bei Blauwalen beispielsweise können Ohrstöpsel eine Länge von bis zu 30 Zentimetern erreichen und fast 1 Kilogramm wiegen, was einen eindrucksvollen Eindruck von der Größe dieser natürlichen „Zeitkapseln“ vermittelt.
Heute befinden sich einige Tausend Wal-Ohrstöpsel in Museums- und Forschungssammlungen, wobei die meisten für wissenschaftliche Untersuchungen versteckt und nicht öffentlich ausgestellt sind. In ihren Schichten hinterlassen Wale eine bemerkenswerte Geschichte – eine jahrzehntelange Aufzeichnung des Lebens im Ozean. Je mehr wir von ihnen lernen, desto besser können wir diese Riesen und die Ozeane, die sie ihr Zuhause nennen, schützen.
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By Eva Köhle