
Der Tauchgang eines Pottwals gehört zu den beeindruckendsten Vorgängen im Tierreich. Pottwale sind die größten Zahnwale der Erde und zugleich spezialisierte Tiefseetaucher. Wenn ein Pottwal abtaucht, beginnt ein hochkomplexer biologischer Prozess, der es dem Tier ermöglicht, extreme Tiefen und langen Sauerstoffmangel zu bewältigen. Bevor ein Pottwal in die Tiefe verschwindet, bleibt er meist einige Minuten an der Wasseroberfläche. Während dieser Zeit atmet er mehrfach ruhig und regelmäßig. Mit jedem Atemzug wird Sauerstoff aufgenommen und im Körper gespeichert. Anders als beim Menschen wird der größte Teil des Sauerstoffs bei Walen nicht in der Lunge gespeichert, sondern im Blut und in der Muskulatur. Besonders die Muskeln enthalten große Mengen des sauerstoffbindenden Proteins Myoglobin, das dem Gewebe eine dunkle Färbung verleiht.
Kurz vor dem eigentlichen Abtauchen verändert sich häufig das Verhalten des Wals. Der Pottwal hebt seine Fluke deutlich aus dem Wasser und beginnt anschließend langsam in die Tiefe zu gleiten. Dieser Moment wird oft als „Fluking“ bezeichnet und ist typisch für längere Tieftauchgänge. Danach verschwindet das Tier vollständig unter der Oberfläche. Während des Abstiegs arbeitet der Körper äußerst effizient. Der Herzschlag verlangsamt sich deutlich, um Sauerstoff zu sparen. Gleichzeitig wird die Durchblutung auf lebenswichtige Organe wie Gehirn und Herz konzentriert. Andere Bereiche des Körpers werden während des Tauchgangs nur noch eingeschränkt mit Sauerstoff versorgt.
Pottwale erreichen bei ihren Jagdtauchgängen häufig Tiefen von mehreren hundert bis über tausend Metern. Einzelne Tiere wurden sogar in Tiefen von über 2000 Metern registriert. Dort unten herrscht völlige Dunkelheit. Sonnenlicht dringt in diese Bereiche des Ozeans nicht mehr vor. Zusätzlich steigen mit zunehmender Tiefe Druck und Kälte stark an. Der Wasserdruck in solchen Tiefen ist enorm und würde für viele andere Lebewesen lebensgefährlich sein. Pottwale besitzen jedoch zahlreiche Anpassungen, die ihnen das Überleben unter diesen Bedingungen ermöglichen. Ihre Körper sind flexibel genug, um dem hohen Druck standzuhalten. Besonders die Lunge und andere luftgefüllte Bereiche können sich während des Abstiegs zusammenziehen, wodurch Schäden durch den Druck verhindert werden.
In der Tiefsee beginnt der eigentliche Zweck des Tauchgangs: die Nahrungssuche. Pottwale ernähren sich hauptsächlich von Tintenfischen und großen Tiefseefischen. Besonders Riesenkalmare und andere größere Kalmare gehören zu ihrer Beute. Da in der Dunkelheit kaum Sicht vorhanden ist, orientieren sich Pottwale mit Hilfe von Echoortung. Dabei senden sie sehr starke Klicklaute aus, die sich im Wasser ausbreiten und von Objekten reflektiert werden. Aus den zurückkehrenden Echos kann der Wal Informationen über Entfernung, Größe und Bewegung möglicher Beutetiere gewinnen. Die Klicklaute der Pottwale gehören zu den lautesten biologischen Geräuschen im Tierreich.
Ein Tauchgang kann je nach Situation zwischen etwa 30 Minuten und über einer Stunde dauern. Während dieser Zeit bleibt der Wal vollständig unter Wasser. Erst wenn die Sauerstoffreserven langsam erschöpft sind, beginnt der Aufstieg zurück zur Oberfläche. Auch dieser erfolgt kontrolliert und energieeffizient. Sobald der Pottwal wieder auftaucht, beginnt er erneut mehrere Male ruhig zu atmen. Dabei wird Kohlendioxid abgegeben und neuer Sauerstoff aufgenommen. Nach einer Erholungsphase an der Oberfläche kann der nächste Tieftauchgang beginnen.
Die Fähigkeit der Pottwale, in extreme Tiefen vorzudringen, macht sie zu einem der am besten angepassten Meeressäuger der Welt. Dennoch bleiben viele Aspekte ihres Lebens in der Tiefsee bis heute nur teilweise erforscht. Ein großer Teil ihrer Jagd- und Kommunikationsverhalten findet in Bereichen des Ozeans statt, die für den Menschen nur schwer zugänglich sind. Jeder Tauchgang eines Pottwals führt daher in eine Welt, die noch immer zu den geheimnisvollsten Lebensräumen unseres Planeten gehört.
Von Fatima Kutzschbach