
Die atlantischen Gewässer vor Madeira boten heute eine bemerkenswerte Begegnung mit drei Wal- und Delfinarten: Großen Tümmlern (Tursiops truncatus), Kurzflossen-Grindwalen (Globicephala macrorhynchus) und Atlantischen Fleckendelfinen (Stenella frontalis). Diese Begegnungen ermöglichen faszinierende Einblicke in die komplexen ökologischen Beziehungen zwischen Meeressäugern, die denselben Lebensraum im Ozean nutzen. Besonders interessant war die wiederholte Beobachtung von Großen Tümmlern, die im Laufe des Tages gemeinsam mit Kurzflossen-Grindwalen unterwegs waren.
Die wiederholte Assoziation zwischen Großen Tümmlern und Grindwalen wirft wichtige ökologische Fragen auf: Warum schließen sich diese unterschiedlichen Wal- und Delfinarten zusammen? Eine mögliche Erklärung ist die opportunistische Nahrungssuche. Beide Arten könnten dieselben nahrungsreichen Gebiete nutzen, obwohl sich ihre Nahrung und Jagdstrategien unterscheiden. Die tiefen Gewässer vor Madeira und die Unterwassertopografie können die Verteilung von Beutetieren beeinflussen und dadurch verschiedene Räuberarten an denselben Ort locken.
Eine weitere mögliche Erklärung liegt im Sozialverhalten der Großen Tümmler. Sie verfügen über eine flexible Fission-Fusion-Sozialstruktur. Das bedeutet, dass sich Individuen zu Gruppen zusammenschließen, diese wieder verlassen und sich abhängig von sozialen Beziehungen und Umweltbedingungen anderen Gruppen anschließen können. Wenn Große Tümmler gemeinsam mit Grindwalen unterwegs sind, könnten sie von gemeinsamen Nahrungsressourcen profitieren oder auf dieselben Umweltreize reagieren. Auch Grindwale sind hochsoziale Tiere, und ihre Bewegungen können sie in Gebiete führen, die für Große Tümmler ebenfalls günstige Bedingungen bieten.
Wichtig ist jedoch, dass die wiederholte räumliche Nähe nicht zwangsläufig auf eine aktive Zusammenarbeit hindeutet. Die Delfine könnten derselben Beuteverteilung folgen, denselben geeigneten Lebensraum nutzen oder eine vorübergehende Assoziation eingehen, ohne eine stabile gemischte Artengruppe zu bilden. Um festzustellen, ob tatsächlich eine koordinierte Nahrungssuche oder eine soziale Interaktion stattfindet, müssten Forschende Verhaltensmerkmale wie synchronisierte Bewegungen, Änderungen der Schwimmrichtung, Tauchmuster und Jagdverhalten beobachten. Auch die Fotoidentifikation könnte helfen festzustellen, ob sich wiederholt dieselben Individuen miteinander vergesellschaften.
Atlantische Fleckendelfine wurden bei der morgendlichen Begegnung beobachtet, bei den späteren Sichtungen hingegen nicht mehr registriert. Dies könnte auf Veränderungen ihrer räumlichen Verteilung oder auf Unterschiede in ihrer Entdeckbarkeit zurückzuführen sein. Weitere Beobachtungen könnten klären, ob es sich bei diesen Begegnungen um vorübergehende ökologische Assoziationen oder um längerfristige Beziehungen zwischen verschiedenen Arten handelt.
Insgesamt verdeutlichen die wiederholten Sichtungen von Großen Tümmlern und Kurzflossen-Grindwalen die dynamischen Beziehungen innerhalb der Wal- und Delfingemeinschaften rund um Madeira. Gemeinsame Nahrungssuchgebiete, eine Überschneidung der genutzten Lebensräume und die Verhaltensflexibilität der Tiere sind plausible Erklärungen für ihre Assoziation. Um die genauen Mechanismen zu bestimmen, sind jedoch weitere Beobachtungen und wissenschaftliche Untersuchungen erforderlich.
By Gemma Stockmans